Transalp 2005

Im Sommer 2005, kurz nach meinem Abi, wollte ich mal einen etwas anderen Urlaub machen. Ich hatte mir eine Transalp vorgenommen. Transalp nennt man es, wenn Fahrradverückte sich meistens nördlich der Alpen aufs Rad setzen um dann ein paar Tage später südlich der Alpen wieder abzusteigen, dabei gilt es möglichst viele Höhenmeter zu fahren und dabei ne Menge Spaß zu haben. Soweit die Theorie. In der Praxis kann man sich zwischen zwei Varianten entscheiden. Entweder plant man die Tour selber und trägt alle seine Sachen im Rucksack mit sich, oder man bucht eine Transalptour bei einem der zahlreichen Veranstalter. Da ich zum ersten Mal eine solche Tour in den Alpen vorhatte und nicht eine Woche lang nur aus den Rucksack leben wollte, habe ich mich für die letztere Variante entschieden. So hab ich dann die Tegernsee-Gardasee-Transalp Schwierigkeitsstufe II von UlpBike gebucht.

Tag 0

Zunächst musste ich irgendwie zu Tegernsee kommen. Ohne Auto artete das aber zu einer Odyssee aus. Nach 10h Zugfahrt und 3 mal umsteigen war ich in Wiessee am Tegernsee, ein schrecklicher Ort, alles mit Hotels zugepflastert und von Rentnern überlaufen. Am Abend war dann das Treffen im Hotel angesagt. Es stellte sich heraus, dass unsere Gruppe mit 8 Leuten inkl. Guide angenehm klein war und das ich, was mich nicht wirklich überraschte, der mit Abstand jüngste war. Soweit so beruhigend. Andererseits sind 3 Leute aus der Gruppe Marathonläufer und 2 haben schon einmal eine Transalp gemacht … locker belieben, entspann dich.

Tag 1

Am ersten Tag wollte uns Petrus prüfen. Kaum waren wir startklar, schon fing es in Strömen an zu regnen und hörte den Tag über auch nicht mehr auf. So radelten wir dann in kompletter Regenmontur ins Zillertal. In Mayerhofen angekommen, wurden wir für unsere Mühe belohnt. Das Hotel hatte einen riesigen Wellnessbereich mit Sauna, Dampfbad und einem Schwimmbecken. Dass wir den Rest des Tages nur noch auf der faulen Haut gelegen haben versteht sich von selbst.

Tag 2

Der zweite Tag bot gleich zu Anfang eine Überraschung, es hatte geschneit. Zwar nur ab 1800m, aber da wollten wir ja hoch. Man bedenke dabei, dass es Anfang August war. So ging es dann bei eisigen 8°C in Richtung Pfitscherjoch (und damit nach Italien, wo die Sonne auf uns wartete). Der Anstieg zog sich etwas in die Länge, doch gegen Mittag waren wir am Schlegeisspeicher angekommen. Der Stausee ist ziemlich groß und wird hauptsächlich aus Schmelzwasser der Gletscher gespeist. Und er ist nicht der Einzige da oben. Die Österreicher haben mitten in den Zillertaler Alpen 6 solche Stauseen über große Leitungen zu einem Verbund zusammengeschlossen. Nachdem wir den See bestaunt und gegessen hatten machten wir uns auf zum Angriff auf das Tagesziel, das Pfitscherjochhaus. Am Staussee hört auch die gute Asphaltstraße auf und wird zu einer Art Wanderweg, der teilweise neu gemacht ist. Bis letztes Jahr muss dieser Trail kaum fahrbar gewesen sein. Trotz Modernisierung ist es bergauf schon ziemlich heftig und verlangt ne ganze Menge Balance und Bikebeherrschung, wenn man die hat, dann macht es viel Spaß. Bergab sind wir dann über Forststraßen geheizt. In Sterzingen angekommen haben wir uns erstmal ein Eis gegönnt (es hatte immerhin schon 20°C).

Tag 3

Früh am Morgen, nach ausgiebigem Frühstück starteten wir in Richtung Meran. Was uns da noch im Weg stand war der Jaufenpass. Wer schon einmal vom Brenner aus nach Meran gefahren ist, weiß was ich meine. 1000 hm auf einmal, durchschnittlich 5% steil. Die nächsten 2 Stunden waren dann auch recht monoton, Asphaltstraße hochfahren. Nur die letzten 200 hm bis zum Pass sind wieder interessant, weil man über die Baumgrenze kommt und ein herrliches Panorama genießen kann. Auch sieht man auf diesem Stück sehr gut die vielen imposanten Wälle und Barrieren, die dem Lawinenschutz dienen sollen.

Oben angekommen haben wir uns erstmal in die geheizte Stube gesetzt, die Sachen getrocknet und eine Stärkung zu uns genommen. Für die anschließende 1000hm Abfahrt haben wir so ziemlich alles angezogen, was wir dabei hatten. Der Guide meinte, es könnte kalt werden. Was dann kam ist schwer zu beschreiben, der absolute Geschwindigkeitsrausch. 20 Minuten lang full speed. Als wir wieder im Tal waren haben alle von einem Ohr bis zum anderen gegrinst. Mein Tacho meinte da 72km/h vmax (gedrosselt durch grobstollige Reifen und den Guide, der uns lebend den Pass runterbringen wollte).

Bis Meran waren dann noch einige Kilometer auf sehr, sehr staubigen Radwegen zurückzulegen. Wir haben immer die Positionen in der Gruppe gewechselt, damit jeder eine gleich große Portion Staub abbekommt. (es muss ja gerecht zugehen). Im Meran haben wir dann erstmal ne Pizza und später ein Eis unter Palmen gegessen. Die letzten Kilometer bis nach St. Pankranz wurden noch mal hart. Es ging auf schmalen Wegen durch die Weinberge bergauf. Es war extrem steil. Laut Höhenmesser 25% Steigung. Da wünscht man sich dann ein paar Gänge mehr. Am Ende des Tages hatten wir dann mehr als 2000hm und 85km in den Knochen und dem entsprechend haben wir beim Abendessen zugeschlagen.

Tag 4

Am nächsten Morgen hat uns unser Wirt in eine nette Unterhaltung über das Verhältnis der Südtiroler zu Italien verwickelt, es ist schon etwas anderes, wenn man mit den Leuten selber redet, als wenn man das bloß durch die Medien erfährt. In den 70’er Jahren hatte es in dieser Gegend eine Art Bürgerkrieg mit Bombenanschlägen gegen Italiener gegeben. Und selbst heute werden (wir haben das selbst gesehen) italienisch sprechende Gäste in Restaurants generell als letzte bedient.

Danach hat uns unser Guide noch zu einer kleinen Sehenswürdigkeit im Ultental geführt, das Haus auf dem Stein. Einer Legende nach, die uns dann vom Hausbesitzer persönlich erzählt wurde, hat ein Soldat im 30-jährigen Krieg die Kriegskasse der Schweden geklaut und damit im Ultental (früher ein sehr beliebtes Urlaubsziel, sogar Bismarck soll hier Ferien gemacht haben) ein Haus gebaut haben. Wegen fehlender Kriegskasse musst dann auch der Krieg eingestellt werden. Eines Tages kam es aber im Ultental zu einem Erdrutsch, der sehr viele Häuser mitriss, doch nicht das Haus unseres Helden, da sich herausstellte, das sein Haus komplett auf einem einzigen riesigen Felsen erbaut war. Ob das nun wirklich so passiert ist, zweifelt sogar der Besitzer an, aber eine schöne Geschichte ist es allemal.

Nach diesem Kulturprogramm sind wir erstmal ne Runde Rad gefahren, immer weiter das Ultental hoch, an einem Stausee vorbei bis St. Gertraute, dort haben wir erstmal was gegessen und den einzigen (!) Platten dieser TransAlp geflickt (ironischerweise beim mit Abstand teuersten Rad). Dann haben wir uns an den sehr langen Aufstieg zum Rabbijoch gewagt. Erst auf Forstwegen, später auf Schotterpisten bis es ein teilweise sehr steiler Wanderpfad wurde, den selbst unser Guide (sonst Mr. Fahrtechnik persönlich) nicht mehr fahren wollte. Nach 2 Stunden hatten wir dann den höchsten Punkt unserer Reise mit 2449m erreicht und feierten das erstmal ein paar Meter tiefer in der Hütte mit einem kühlen Bier. Der Trail nach unten ist für mich der absolute Holy Trail. Einfach perfekt. Zuerst geht es einem Kilometer parallel zu den Höhenlinien auf einem sehr schmalen Trail am Berg entlang. Diese Strecke ist mit viel flow fahrbar erfordert aber etwas Schwindelfreiheit, daneben geht es nämlich abwärts. Danach stürzt sich der Pfad senkrecht zu den Höhenlinien abwärts, das ergibt dann so 25% Gefälle bei einem Weg der nur noch aus Staub und grobem Schotter besteht. Wer da einfach laufen lässt, der kommt nicht mehr zum stehen. Ab hier ist es ein gemäßigter Singletrail, mit viel Wurzelwerk und ausgewaschenen Passagen. Dieser Trail ging so bestimmt 1000 hm runter und dann sind wir noch ne Runde Straße gefahren um dem Geschwindigkeitsrausch zu frönen. Unser Guide führte uns dann über viele Kilometer Straße, aber auch den ein oder anderen versteckten Trail (denn ich nie gefunden hätte) bis nach Dimaro im Val di Sole.

Tag 5

Der vorletzte Tag führt uns über und durch die Brenta. Die Brenta ist ein sehr eindrucksvolles Gebirgsmassiv und sehr beliebt, der Kletterberg der Italiener so zu sagen. An manchen Tagen ist es sehr überlaufen. Wir hatten allerdings Glück, es war nicht ganz so viel los. Bis zum Mittag hatten wir dann auch Madonna di Campiglio erreicht. Ein meiner Meinung nach nicht sehr schöner überteuerter Skiort, der fast nur aus Hotels und Skiliften besteht, ach ja, einen Golfplatz haben sie auch noch. Nach dem wir im Supermarkt was zum Mittag erstanden hatten sind wir schnell wieder gefahren. Erst ging es über schöne Singletrails ein wenig runter und dann gleich wieder hoch. An einem wunderschönen Bergsee machten wir erstmal eine Rast, bevor wir den letzten, sehr steilen Sattel erklommen. Nach einer weiteren schönen Abfahrt sind wir noch ein paar Kilometer Straße bis in unser Quartier in Lomaso gefahren, wo wir dann gegen 18:00 Uhr ziemlich erschöpft angekommen sind.

Tag 6

Der letzte Tag, wir hatten es fast geschafft. Nur noch die lächerliche Strecke von 50km war zu meistern, bis wir endlich am Gardasee stehen würden. Diese Strecke war dann aber doch nicht so lächerlich wie erwartet. Zunächst ging es flach am Talboden entlang bevor wir den Aufstieg zum Refugio S. Pietro begonnen. Die Schwierigkeit dabei war, das es einen Tag vorher geregnet hatte und das wir somit über sehr nasse Wiesen fahren mussten, auf denen es von Mücken nur so wimmelte. Als wir dann in den Wald kamen wurde es nicht besser. Der Weg bestand aus faustgroßem Geröll und die Luftfeuchtigkeit war so hoch, das es bald geregnet hätte. Es war ne fürchterliche Schinderei und wir haben geschwitzt wie die Schweine. ALs wir dann oben waren konnte man um jeden Fahrer eine Dampfwolke beobachten. Vom Refugio aus konnte man auch schon den See sehen.

Wir waren überglücklich am Ziel zu sein. Man bedenke, das wir keinen ernsthaften Sturz und keine technischen Schäden hatten, von einem Plattfuß mal abgesehen. Nachdem wir den Augenblick ausgekostet hatten ging es rasant in Richtung Riva, allerdings gebremst durch die Warnungen unseres Guides, der auf dieser Abfahrt bei der letzten Tour jemanden ins Krankenhaus schaffen musste. Derjenige war wohl etwas übermütig geworden und hatte während der Abfahrt mit einer Hand gefilmt. Die allererste Entwässerungsrinne quer zur Straßen war dann sein Verhängnis. Nach einigen Photostops am Ortseingang und Hafen von Riva waren wir dann in unseren Hotels. Ich und einige andere hatten allerdings noch lange nicht genug und so haben wir das Angebot unseres Guides an, noch eine kleine Runde am Gardasee zu fahren.

Die Tour führte uns über die berühmte Ponalestraße nach Pregasina, wo wir für 2 Stunden den Blick auf den Gardasee, sowie Eis und kühles Bier genossen. Die anschließende Abfahrt über die Ponalestraße hat noch mal sehr viel Spaß gemacht, unter anderem auch deshalb, weil sie künstlich verengt ist und mit kleinen Hindernissen versehen ist, die die Biker eigentlich bremsen sollen. Im Endeffekt hat man so aber jede Menge Anlieger und Sprunghügel um es richtig krachen zu lassen. Der Rest des Tages bestand dann nur noch aus einem ausgiebigen Abendessen in einem vom Guide empfohlenen Restaurant und anschließender Feier in der Hotelbar bis Tief in die Nacht.

Tag 7

Wir sind alle erst gegen 11 Uhr aufgestanden (sonst war immer 9:00 Uhr Abfahrt) und sind noch in die Altstadt von Riva gegangen um uns mit italienischen Spezialitäten einzudecken und noch mal ein Eis zu essen. Gegen 14:00 Uhr wurden die Bikes verladen und wir reihten uns auf der Autobahn in den Stau in Richtung Deutschland ein. Am Tegernsee angekommen haben wir uns alle verabschiedet und die Heimreise angetreten.

An dieser Stelle möchte ich mich ganz besonders bei Heinz und Brigitte, sowie Heiko bedanken, die mich und mein Bike noch nach München zum Bahnhof gefahren haben.

Besonderer Dank gilt auch unserem Guide Helmut der uns alle gesund und glücklich über die Alpen gebracht hat.

 

Verlauf der Tour:

 


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